Spiritualität

Aus den Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers

„So ziehe ich nun meiner Wege und verrichte unablässig das Jesusgebet, das mir wertvoller und süsser ist al alles andere in der Welt. Mitunter gehe ich meine siebzig Werst am Tage, manchmal auch mehr, und fühle gar nicht, dass ich gehe; ich fühle aber nur, dass ich das Gebet verrichte. Fährt mir eisige Kälte durch die Glieder, so beginne ich das Gebet angespannter herzusagen und bim vollkommen erwärmt. Martert mich der Hunger, so rufe ich den Namen Jesu Christi häufiger an und vergesse, dass ich essen wollt. Bin ich krank oder fühle ich ein Reissen im Rücken und in den Beinen, so beginne ich auf das Gebet hinzuhorchen und spüre den Schmerz nicht mehr. Wenn mich jemand beleidigt, so denke ich nur daran, wie süss das Jesusgebet ist; sogleich ist die Kränkung und aller Zorn geschwunden, und ich habe alles vergessen. Ich bin Gleichsam närrisch geworden; um nichts sorge ich mich mehr; nichts gibt es, das mich fesselt; nichts Eitles schaue ich an; wenn ich nur immer allein bin in der Einsamkeit.“

Aufrichtige Erzählungen eines russischen Pilgers, Freiburg 1974, S. 38

 

Der Affengeist

Vom Morgen früh bis am Abend spät fällt mein unruhiger Geist seine Urteile – meistens ohne dass ich es

überhaupt merke: Dies ist gut und jenes schlecht, das will ich und jenes nicht, dies ist falsch und jenes
richtig, K. mag ich und W. weniger, dies ist mittelmäßig und mittelmäßig sein ist schlecht, dieses passt
mir und jenes nicht, da ist es schön und dort gar nicht – und so weiter. So geht es den ganzen Tag hin
und her. Buddha spricht vom „Affengeist“, der im Kopf herumturnt und sich von einem Gedanken zum
nächsten schwingt. Der Affengeist kategorisiert, bewertet und schubladisiert. Immer will er das eine und
das andere nicht. Nervös hüpft er hin und her.
Wahrscheinlich versucht mein Affengeist, mit seiner wirbligen Geschäftigkeit die Wirklichkeit in den Griff
zu bekommen. Doch genau besehen geschieht das Gegenteil: Hinter dem Vorhang des dauernden
Bewertens und Urteilens entschwindet die Wirklichkeit. Ich sehe nicht mehr, was wirklich ist, sondern nur
noch, was ich denke, dass sei. Und das ist ein großer Unterschied.
Der Affengeist schürt permanente Unruhe. Er hetzt mich, das eine zu erobern und das andere zu
bekämpfen. Er weckt Begierden und Ängste. Er entwirft immer neue Szenarien einer möglichen Zukunft
und raubt mir dabei die Gegenwart.
Die frühchristlichen Mönche übten sich darin, dieses Affentheater im Kopf aufzulösen, um Ruhe und
inneren Frieden zu finden. „Das Himmelreich ist ein seelischer Zustand, der durch eine völlige Freiheit
von Affekten charakterisiert wird und mit dem die wahre Erkenntnis des Seienden einhergeht“, sagt
Evagrius Ponticus. Die Grundhaltung der Wüstenmönche war die Wachsamkeit, die Konzentration auf
den gegenwärtigen Augenblick. Dorotheus von Gaza schreibt: „Tragen wir für uns selbst Sorge, meine
Brüder, seien wir wachsam. Wer gibt uns die Gegenwart zurück, wenn wir sie verlieren?“
Zur Einstimmung in die Gegenwart verhilft uns eine ganz einfache Frage: Was ist falsch an diesem einen
Augenblick jetzt? Der Affengeist will immer etwas anderes als das, was ist. Aber was ist falsch an diesem
Augenblick? Je stärker ich mich auf diese Frage konzentriere, je präziser ich meine Aufmerksamkeit auf
die Schnittstelle richte, wo Vergangenheit und Zukunft sich treffen, auf diesen Punkt, an dem ich jetzt bin,
umso deutlicher wird mir: Nichts ist falsch. Ich bin da, ich atme, ich darf sein. Leben in Fülle. Je tiefer ich
diesen Moment wahrnehme, umso deutlicher spüre ich es: Es ist gut so.
Das ist jedes Mal eine überraschende Entdeckung. Die Unruhe legt sich. Es wird still. Ich komme an. Ich
bin hier. In der Wirklichkeit des gegenwärtigen Augenblicks.
In der Überlieferung der Wüstenväter heißt es: Wenn Abba Agathon etwas sah und sein Herz über die
Sache urteilen wollte, sprach er zu sich: Agathon, tu das nicht. Und so kam sein Denken zur Ruhe.
Der Verzicht auf das dauernde Urteilen durchlüftet den Geist und befreit ihn von überflüssigem
gedanklichem Ballast. Es ist nicht nötig, dass ich zu allem und jedem meine (fast unausgesprochenen)
Kommentare abgebe. Ich kann die Dinge auch einmal sein lassen. Gelassenheit in der Gegenwart, ohne
turnende Affen im Kopf.
Abba Agathon wandte übrigens noch einen anderen Trick an, um seinen Affengeist zur Ruhe zu bringen:
Er trug drei Jahre lang einen Kieselstein im Mund, bis er zurechtkam mit dem Schweigen. Ob diese
Methode zur Nachahmung zu empfehlen ist, wage ich zu bezweifeln.

Lorenz Marti: Wie schnürt ein Mystiker seine Schuhe?, S. 110 f.